Zwischen Science und Fiktion von Dr. Bernd Apke

Zwischen Science und Fiktion.
Virale Strategien in der Kunst von Alexandra Knie
 
Es ist die Diskrepanz zwischen dem handwerklichen Herstellungsprozess und der sich daraus entwickelnden Darstellung komplexer, aus technoiden Zusammenhängen bekannten Organisationsformen, die Alexandra Knie in ihrer Kunst zunächst interessiert. Die Künstlerin bedient sich vor allem der Stickerei und des Siebdrucks, um auf Baumwollgewebe Virenformationen zu visualisieren, d.h. Strukturen mikrobiologischer Träger von Programmen, die dazu geeignet sind, gesunde Zellen als Wirtszellen zu nutzen. Da Viren weder über einen eigenen Stoffwechsel verfügen, noch sich eigenständig vermehren können – weshalb sie in der Wissenschaft zumeist nicht zu den eigenständigen Lebewesen gezählt werden –, sind sie auf die mit diesen Eigenschaften ausgestatteten Wirtszellen angewiesen. Gelingt es Viren, eine Verbindung mit Wirtszellen einzugehen, kann das in den Krankheitserregern angelegte Programm zur Vermehrung ungehindert ablaufen. Infolgedessen verändern sich die Wirtszellen oder werden gar zerstört.
 
Alexandra Knie geht in ihrer Arbeit zwar von stark vergrößerten Abbildungen mikroskopisch kleiner Virenformationen aus, entwickelt in den meisten Werken aber fiktive Virendesigns, die real anmuten. Die Titel ihrer Stickereien benennen häufig bekannte Viren, wie z.B. den Poliovirus, den Hepatitis-Virus oder den Norovirus. Es sind dies Krankheitserreger, die beim menschlichen Körper meist innerhalb kurzer Zeit heftige Reaktionen hervorrufen und von chronischen Erkrankungen bis hin zum letalen Zusammenbruch des fein austarierten menschlichen Organismus führen können.
 
Alexandra Knie zeigt in ihren Arbeiten nicht diese konkreten Auswirkungen von Viren in Lebewesen, sondern sie visualisiert die Funktionsweise von Viren zunächst modellhaft in der Sprache des Designs. So zeigt sie beispielsweise in ihren großformatigen Virenkartographien (2015) Rasterelemente aus regelmäßig angeordneten kleinen Quadraten, die in ihrer Serialität prinzipiell in jede Richtung beliebig erweiterbar wären. Indes treten vielerorts grafische Störungen auf: Das Raster bricht auf, einzelne Segmente wirken wie abgerissen, oder so, als habe jemand gewaltsam an den feinen Verbindungen gezerrt. In einigen Arbeiten bleiben diese Unstimmigkeiten örtlich begrenzt und das Rastersystem kann sich auf der Fläche grundsätzlich behaupten. In anderen Werken sorgen diese Störungen hingegen für ein Auseinanderbrechen der grafischen Planquadrate, so dass sie nicht mehr zueinander finden und einen Zusammenbruch der Ordnung signalisieren.
 
In der mit Keine Idylle (2014) betitelten Gruppe von Tondi, d.h. kreisrunden, kleinen Arbeiten, auf denen im Digitaldruck Fotografien zu sehen sind, ist ebenfalls teilweise die bereits bekannte Rasterung aus regelmäßig angeordneten kleinen Quadraten zu sehen. Auch hier kommt es zu Einrissen und zu Überlagerungen von mehreren der hier aufgeklebten Rastern. Diese Störungen der Ordnung stehen in engem Zusammenhang mit den fotografierten uneindeutigen Ausschnitten stadtplanerischer oder architektonischer Lücken. Den visuellen Bruchstücken ortloser, aber urbaner Seherfahrungen ist ein transitorischer Charakter eigen und sie verbinden Elemente des Unbehausten mit jenen der architektonischen Destruktion. Auf diesen Fotografien ist nichts anheimelnd. Die ihnen aufgeklebte Rasterung befördert mit ihren Einrissen die Verbildlichung eines demontierenden und zersetzenden Ausdrucks der Werke.
 
Dieser gleichsam virale, weil ein System destabilisierende Blick auf die Welt eint die Werke der Künstlerin. Es sind nicht nur die Titel oder die an Krankheitserreger erinnernden Darstellungen, die diese Aussage rechtfertigen. Es sind eben auch die fehlgeleiteten Erwartungen des Betrachters, die das Normative und das Handwerkliche betreffen, mit denen Alexandra Knie arbeitet. Die großformatigen Tischdecken (Tischdecke: Viren und Tischdecke: Virenmutationen, jeweils 2012) sind beispielsweise nicht, wie zu erwarten wäre, mit Blumenstickereien im Kreuzstich dekoriert. Stattdessen zeigt die Künstlerin zum einen Abbilder eingefärbter Viren aus elektronenmikroskopischen Aufnahmen und zum anderen frei entwickelte Virenmutationen als vermeintliches Dekor. Die seit alters her dem Verzieren gewidmete Technik des Stickens dient Alexandra Knie als Einfallstor für Subversives. Hier ist auch die Herkunft der in vielen Werken zu begegnenden quadratischen Rasterung zu finden, die gewöhnlich das Innere von kreisrunden Stickrahmen ausfüllt. Auf diese wird der zu bestickende Stoff gespannt, um Verzerrungen bei der handwerklichen Bearbeitung zu vermeiden. Nicht nur die Tondi nehmen die Formen der runden Stickrahmen auf. Der Baumwollstoff in SARS-Virus (2015) bezieht die Prägung durch den Stickrahmen sogar in die Darstellung ein, insofern die Rundung den Blick durch ein Mikroskop auf die Viren suggeriert. In 2-fach vergrößert: Makroskopischer Blick auf Virenkulturen (2015) forciert die Künstlerin diesen Eindruck und lässt den Betrachter auf großem Format am wimmelnden fiktiven Virenleben teilhaben, das sich auf und hinter einer runden Plexiglasscheibe abspielt – Labor und Atelier, Science and Fiktion kommen sich über diese vermeintliche Darstellung einer übergroßen Petrischale wieder näher.
 
Alexandra Knie bezieht in ihren Werken die Mehrdeutigkeit der Größenperspektiven ein. Es gibt mikro- und makroskopische Perspektiven und manchmal changieren sie im gleichen Werk. In der Virenkartografie I (2015) füllt ein verzweigtes unregelmäßiges Lineament das große Format und weist sowohl große, gleichsam mit dem Lineal begrenzte Lücken als auch zahlreiche schwarze Farbkonzentrationen auf. Dabei unterbrechen diese dunklen Verdichtungen nur kurz das Liniengespinst, das unbeeindruckt davon vor und hinter den Flecken regelmäßig fortgeführt wird. Der Titel des Werkes verweist zwar auf den viralen, mithin mikroskopischen Zusammenhang, Größe und Art der Darstellung hingegen suggerieren eher einen Blick aus einem Satelliten auf einen Erdausschnitt, wie man ihn aus Fernsehnachrichten in Berichten aus Kriegsgebieten kennt. Diese mediale Erfahrung des Betrachters ändert die Perspektive, die er gegenüber dem Werk einnimmt: Die Linien werden zu Straßen und die dunklen Flecken zu niedergegangenen Bomben, die ihr Zerstörungswerk im Lineament hinterlassen haben.
 
Dass diese Deutung der Gruppe der Kartografien im Werk der Künstlerin plausibel ist, zeigt sich nicht zuletzt in Virenkartografie II (2015), auf der im Siebdruck nicht nur die bereits bekannte quadratische Rasterung mit ihren viralen Unterbrechungen zu sehen ist, sondern auch wolkenartig ausgebreitete schwarze Flecken. All dies ist, wie bei Alexandra Knie häufig, auf Baumwollstoff gedruckt, der hier jedoch beidseitig an jeweils einer Holzleiste befestigt ist, die über das Stoffformat nach unten hinausragt. Das Werk könnte zweifellos auf einer Demonstration als Transparent emporgehalten werden. Der dort platzierte Appell bliebe zwar diffus, aber grafisch hinreichend beunruhigend, insofern er einen Blick von oben auf ein Geschehen bietet, das bedroht ist: aufgerissene Rasterungen sowie schwarze Flecken, die sich vielerorts über Einzelheiten legen. Die vertretene Forderung wäre eine Mahnung vor viralen Auswirkungen auf ein geordnetes System oder aber ein Aufruf zu viralen Eingriffen in ein gleichförmiges System. Die Künstlerin braucht nicht konkret zu werden. Sie arbeitet stattdessen mit kleinen Verschiebungen in allgemein als harmonisch anerkannte Kompositionsprinzipien, wie Symmetrie oder Ausgewogenheit. 
 
Alexandra Knie ist eine nüchterne Beobachterin, die sich auch dem für den Laien emotional besetzten Thema der Viren sachlich nähert. Für die Künstlerin sind Viren nicht Erreger, sondern Anreger für grafische Fantasien und visuelle Ideen – und der Betrachter steht zwischen Science und Fiktion. So wie Viren täuschen und an Schwachpunkten angreifen, kalkuliert auch Alexandra Knie mit einer gewissen Inkubationszeit, die der Betrachter benötigt, um zu begreifen, was er sieht. Danach ist er gewarnt – aber nicht immun. Denn die Künstlerin entwickelt weiter Variationen und sucht nach Breschen für ihre viralen Strategien.
 
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Entre Ciencia y Ficción de Dr. Bernd Apke
 
Entre Ciencia y Ficción.
Estrategias virales en el arte de Alexandra Knie.
 
La discrepancia entre el proceso de producción artesanal y la resultante presentación de complejas formas organizativas conocidas de contextos técnicos es lo que interesa en primera instancia a Alexandra Knie. La artista hace uso en particular de los bordados y de la serigrafía para visualizar formaciones virales en tejidos de algodón, es decir, estructuras de portadores microbiológicos de programas aptos parar utilizar las células sanas como células huéspedes. Dado que el virus no dispone de un metabolismo propio ni tiene la capacidad de multiplicarse por sí solos – razón por la cual en la ciencia el virus no es considerado un organismo vivo autónomo – depende de las células huéspedes que son dotadas de estas características. Si el virus logra unirse a las células huéspedes, el programa reproductivo guardado en los agentes patógenos puede iniciarse libremente. Como consecuencia, las células huéspedes cambian su existencia o incluso son destruidas.
 
Aunque Alexandra Knie utiliza en su trabajo proyecciones muy aumentadas de las formaciones virales microscópicas, en la mayoría de sus obras desarrolla diseños virales ficticios que tienen una apariencia real. Los títulos de los bordados suelen llevar el nombre de algún virus conocido como por ejemplo el poliovirus, el virus de la hepatitis o el norovirus. Son estos agentes patógenos que suelen causar reacciones fuertes en el cuerpo humano dentro de un corto tiempo y pueden desencadenar enfermedades crónicas hasta provocar el colapso letal del organismo humano.
 
En sus obras, Alexandra Knie no muestra estos efectos concretos del virus en los seres vivos, sino visualiza el funcionamiento del virus como un modelo a través del idioma del diseño. De esta manera, la obra en formato grande Virenkartograhien (2015) [Cartografías virales] muestra elementos de retículas de pequeños cuadrados ordenados que en su serie podrían ser expandidos discrecionalmente. Sin embargo, se presentan irregularidades gráficas: la retícula se rompe, diferentes segmentos parecen como si hubiesen sido arrancados o como si alguien hubiese tirado violentamente de las conexiones frágiles. En algunos trabajos, estas irregularidades están limitadas y el sistema de las retículas puede consolidarse. En otros trabajos, estas irregularidades causan una ruptura de los cuadrados gráficos de tal manera que éstos ya no podrán unirse y simbolizan el desmoronamiento del orden. 
 
En el grupo de tondi titulado Keine Idylle (2014) [No idilio] - pequeñas obras redondas proyectando fotografías en impresión digital - se pueden distinguir las conocidas retículas de pequeños cuadrados ordenados. Aquí también hay desgarros y superposiciones de varias retículas. Esta alteración del orden está estrechamente relacionada con los fragmentos ambiguos fotografiados de vacíos urbanísticos o arquitectónicos. Estos fragmentos de experiencias visuales urbanas tienen un carácter transitorio y conectan elementos de lo deshabitado con aquellos de la destrucción arquitectónica. En estas fotografías no existe nada agradable. La reticulación con sus desgarros promueve la impresión de un desmontaje y una descomposición de las obras. 
 
Esta vista viral del mundo -ya que es desestabilizadora de un sistema- es el elemento que une a las obras de la artista. No es solo el título o las presentaciones que nos recuerdan a los agentes patógenos y que justifican este enunciado. Son también las expectativas desencaminadas del observador con respecto a lo normativo y lo artesanal con las que trabaja Alexandra Knie. Las Tischdecken de gran formato (Tischdecke: Viren [Mantel: Virus] y Tischdecke: Virenmutationen [Mantel: Mutaciones virales], año 2012 respectivamente) no llevan, como sería de esperar, bordados florales de punto de cruz. En su lugar, la artista muestra por un lado reproducciones coloreadas de imágenes electromicroscópicas de diferentes tipos de virus y por otro lado mutaciones virales inventadas como supuesto adorno. 
La técnica del bordado, desde sus principios pensada y utilizada para la decoración, le abre a Alexandra Knie la puerta a lo subversivo. Aquí también se puede encontrar el origen de la reticulación cuadrática presente en muchas de sus obras, la cual suele llenar el interior del bastidor redondo. En éste se fija la tela para evitar desfiguraciones a la hora del procesamiento artesanal. No solo los tondi retoman la forma de bastidor redondo. La tela de algodón de la obra SARS-Virus (2015) incluso integra el relieve del bastidor en la presentación, en el sentido que el redondeo sugiere la mirada a través del microscopio. En 2-fach vergrößert: Makroskopischer Blick auf Virenkulturen (2015) [aumentado 2 veces: vista macroscópica a las culturas virales] la artista fuerza esta impresión y permite que el observador participe en la vida viral ficticia existente encima y detrás del panel redondo de plexiglás – el laboratorio y el estudio, la ciencia y la ficción vuelven a acercarse a través de una placa de Petri sobredimensionada.
 
Alexandra Knie incluye en sus obras la ambigüedad de las perspectivas de los tamaños. Hay perspectivas micro- y macroscópicas y a veces coexisten en la misma obra. En Virenkartografie (2015) [Cartografía viral], un lineamiento ramificado llena el formato y muestra por un lado vacíos limitados mediante regla y por otro lado concentraciones del color negro que poco interrumpen el hilado que -nada impresionado- sigue su camino detrás y delante de las manchas. Aunque el título de la obra indica el contexto viral y, por ende, microscópico, el tamaño y el tipo de presentación, sin embargo, sugieren más bien una vista desde un satélite a la tierra como se conoce en las noticias sobre las zonas de guerra. Esta experiencia mediática  del observador cambia la perspectiva que adopta frente a la obra: las líneas se convierten en calles y las manchas oscuras en bombas caídas que destruyen el lineamento.
 
Que esta interpretación del grupo de las cartografías en la obra de la artista sea plausible, se muestra también en Virenkartografie II (2015) [Cartografía viral II], donde se puede distinguir no solo la conocida reticulación cuadrática con sus interrupciones virales, sino también extendidas manchas negras en forma de nubes. Todo esto, como lo suele ser el caso en las obras de Alexandra Knie, está impreso mediante serigrafía en tela de algodón que está fijado en ambos lados en un listón de madera que sobresale de la tela en la parte de abajo. Esta obra sin problemas podría ser levantada en una manifestación. El mensaje sería difuso pero en lo gráfico lo suficientemente inquietante dado que muestra una escena amenazante: retículas desgarradas y manchas negras que frecuentemente tapan los detalles. El mensaje sería una advertencia de los efectos virales en un sistema ordenado o tal vez un llamamiento para una intervención viral en un sistema homogéneo. No hace falta que la artista sea más concreta. En cambio, trabaja con pequeños cambios de los principios compositores, generalmente percibidos como armoniosos, como la simetría o el equilibrio. 
 
Alexandra Knie es una observadora objetiva que se acerca al tema del virus, que incluso para el profano tiene connotaciones emocionales de manera neutral. Para la artista, el virus no es un agente patógeno, sino estimulante de fantasías gráficas e ideas visuales que coloca al observador entre la ciencia y ficción. Tal como el virus engaña y ataca los puntos débiles, Alexandra Knie también calcula con un cierto tiempo de incubación que necesita el observador para entender lo que percibe. Después ya está alertado – pero no inmune. Porque la artista sigue desarrollando variaciones y busca espacios para sus estrategias virales.